Vegan - aber richtig!

„Kind von Veganern verhungert“ – Schlagzeilen wie diese haben in den vergangenen Wochen in Deutschland die Gemüter erhitzt. Der 15 Monate alte Leon aus Paderborn soll an Unterernährung gestorben sein, weil seine Eltern ihn ausschließlich mit Pflanzenkost gefüttert haben. Veganismus als Todesfalle – keine gute Publicity für die fleischfreie Sache.
Wer allerdings über die Schlagzeile hinaus gelesen hat, dem hat sich ein etwas differenzierteres Bild gezeigt. Leon hat an Lungenentzündung und Unterernährung gelitten. Gestorben ist er jedoch, weil seine Eltern – den Lehren eines Gesundheits-Gurus folgend – eine traditionelle medizinische Behandlung ihres Kindes ablehnten. Eine massive Fehlhandlung, die mit einer zweijährigen Bewährungsstrafe geahndet wurde.

Viele Menschen in den Industrieländern möchten heute einen bewusst veganen Lebensstil führen, d. h. sie verzichten bei ihrer Ernährung und in der gesamten Lebensweise auf jegliche tierische Produkte wie Fleisch, Eier und Milch, aber auch Lederwaren, Daunenkissen usw. Wie Vegetarier entscheiden sich auch Veganer aus unterschiedlichen Gründen für diese Alternative. Für die einen ist der Tierschutz, für die anderen die positive gesundheitliche Wirkung der Pflanzennahrung ausschlaggebend. Wer allerdings vollkommen auf tierisches Fett, Eiweiß, Mineralien etc. verzichten möchte, muss seinen Speiseplan sehr sorgfältig zusammenstellen und gegebenenfalls seinem Essen einige fehlende natürliche Nährstoffe von außen zufügen, um nicht an Mangelerscheinungen zu erkranken. Besonders wichtig wird dies bei der Ernährung von Kindern und Babys, die teilweise einen noch höheren Nährstoffbedarf haben als Erwachsene bzw. noch keine feste Nahrung zu sich nehmen können. Beispielsweise sind Eisen, Kalzium und Vitamin B-12 auch in vielen pflanzlichen Lebensmitteln vorhanden, so in Rosinen, Mandeln und Trockenaprikosen (Eisen), in Broccoli, Kohl, Tofu und Trockenfeigen (Kalzium) oder in Getreide (Vitamin B-12). Eventuell muss aber mit entsprechend angereicherten Sojaproduk-ten, Fruchtsäften oder Vitaminpräparaten eine ausreichende Nährstoffversorgung gewährleistet werden. Während der Stillzeit brauchen Mütter und oftmals auch die Babys eine zusätzliche Vitamin-B-12-Quelle, um den in dieser Zeit erhöhten Bedarf zu decken. Es gibt aber im Handel auch erste vegane Babyflaschennahrungen, deren Inhaltsstoffe auf die Bedürfnisse von Säuglingen abgestimmt sind.

Vor allem in Bezug auf die strikt vegane Ernährung von Kindern gibt es noch immer sehr unterschiedliche Meinungen von Ärzten und Ernährungswissenschaftlern. Aber nicht, weil rein pflanzliche Nahrung auf Dauer ungesund oder unzureichend ist, sondern weil viele Veganer sich nicht die Mühe machen, einen gut konzipierten Ernäh-rungsplan aufzustellen und/oder einzuhalten. Die wenigsten Veganer brauchen je eine Diät. Eher ist es wichtig, ganz besonders bei Babys und Kindern, darauf zu achten, täglich genügend Kalorien zu sich zu nehmen. Noch dringender wird das bei großer körperlicher Belastung (z. B. Sport) oder während einer Krankheit, wie im Falle Leons. Streicht man Nährstofflieferanten wie Milchprodukte, Fisch und Fleisch vom Speiseplan, muss anderweitig für Ausgleich gesorgt werden, damit die Pflanzenkost am Ende nicht mehr Schaden als Nutzen bringt. Wichtige Tipps und Ratschläge geben (Kinder-)Ärzte und eine immer größer werdende Auswahl an ernährungswissenschaftlichen Fachbüchern zum Thema.

Judith Knöbel-Methner